Geschichte von Gemeinde und Kirche

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden an der südwestlichen Peripherie der Stadt Bruchsal die "Joß-Fritz-Siedlung" und die "Kändelweg-Siedlung". Als infolge des Krieges zunehmend mehr Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Bruchsal kamen, wurde die Erschließung weiterer Wohngebiete notwendig. Dazu rodete man Teile der Büchenauer Hardt und baute dort Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre die Waldsiedlung auf.

Die Paul-Gerhardt-Kirche

Zu dieser Zeit mussten die in der neu entstandenen "Südstadt" wohnenden evangelischen Christen den weiten Weg ins Zentrum zur Lutherkirche auf sich nehmen, wenn sie an Gottesdiensten teilnehmen wollten. Um vor allem den älteren Gläubigen entgegenzukommen, hielt der Stadtpfarrer Dr. Scheuerpflug ab Januar 1951 regelmäßige Gottesdienste in einem Privathaus ab. Doch bei der sich abzeichnenden weiteren Vergrößerung des Siedlungsgebiets wurde es immer dringender, für kircheneigene Räumlichkeiten zu sorgen. So beschloss der evangelische Kirchengemeinderat den Bau einer zweiten Kirche auf Bruchsaler Boden, die in dem damals noch weithin freien Feld zwischen den Siedlungen geplant wurde. Es entstand eine bewusst schlicht gehaltene Anlage einer Kirche mit angegliedertem Gemeindesaal, einem Kindergarten sowie Wohnungen für Pfarrer und Kirchendiener.

 

Der Altarraum der Paul-Gerhardt-Kirche

Am 7. November 1954 wurde die neue Kirche von Landesbischof Dr. Bender eingeweiht und erhielt den Namen von Paul Gerhardt, des Liederdichters aus Gräfenhainichen. Gerade seine Lieder, die er aus eigener leidvoller Erfahrung in der Zeit des 30-jährigen Krieges geschrieben hat, haben den Menschen, die sich in der neuen Heimat zurechtfinden mussten, Trost gespendet und Mut gemacht für einen Neuanfang mit Gottes Hilfe. Gottesdienste und Seelsorge oblagen weiterhin Pfarrer und Vikar der Luthergemeinde, bis Mitte 1955 ein eigenes Pfarrvikariat eingerichtet und das Pfarrhaus erstmals bezogen wurde. Im Oktober 1958 erfolgte schließlich die Erhebung zur Pfarrei und der bisherige Vikar Reinhard Ehmann wurde im Februar 1959 als Pfarrer eingeführt. Er wurde nicht nur der erste Pfarrer der Gemeinde, sondern ist bis heute auch derjenige mit der längsten Amtszeit. Mit ihm, seiner Frau und seinen Söhnen ist die Gemeinde weiter gewachsen, nicht nur in der Seelenzahl, sondern vor allem in der Gemeinschaft und im füreinander Dasein. 20 Jahre war er uns ein treuer Prediger und Seelsorger, ehe er als Pfarrer und Dekan nach Sinsheim wechselte.


Innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte erfolgten dann gleich vier Pfarrerwechsel: Theo Oehler (1977-1979), Dr. Ulrich Hoffmann (1979-1985), Dr. Helmut Ulshöfer (1986-1990) und Karl-Heinz Schweizer (1991-2000). Während dieser Zeit entstanden immer wieder neue Wohngebiete und das Siedlungsgebiet wurde zusehends zu einer geschlossenen Einheit. Mit den frisch Zugezogenen kamen stets neue Anforderungen auf die Gemeinde und ihre Mitarbeiter zu. Es gab keine gewachsenen Beziehungen der Menschen zueinander und zu ihrer Gemeinde - das alles musste erst angeregt und entwickelt werden. Trotz hoher Fluktuation der Einwohnerschaft, sozialer Probleme und gesellschaftlicher Veränderungen ist dennoch ein vielfältiges Miteinander entstanden.

 

Altar mit Kreuz

Die größte Belastung für die Gemeinde und ihre Mitarbeiter sollte aber noch kommen. Bei den Ende der 90er Jahre von der Landeskirche verfügten Stellenreduzierungen blieb für Paul-Gerhardt zwar die Eigenständigkeit erhalten, doch nur noch eine halbe Pfarrstelle übrig. Zusammen mit dem neuen Pfarrer Stefan Schütze, der im Juni 2001 sein Amt antrat, versuchte der Ältestenkreis die Reduzierung ohne Schaden für die Gemeinde umzusetzen. Das erwies sich als wahre Herkulesarbeit, die uns über alle Maßen forderte und die von Herrn Schütze mit seiner von vornherein gesundheitlich eingeschränkten Kraft am Ende nicht mehr zu leisten war. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich leider, so dass er seinen Dienst als Gemeindepfarrer Ende 2003 aufgeben musste. Die sich anschließende Vakanzzeit war die bisher längste in der Gemeinde, allerdings konnte sie durch den engagierten Einsatz von Pfarrer Achim Jillich und Pfarrvikar Achim Schowalter abgemildert werden.


Durch strukturelle Änderungen auf der Ebene der Kirchengemeinde mit der Erweiterung der Gerhardt-Gemeinde um das Gebiet westlich der Bahnlinien konnte schließlich wieder eine ganze Pfarrstelle errichtet werden. Nach dieser Neustrukturierung ist die Paul-Gerhardt-Gemeinde auf 1800 Gemeindeglieder angewachsen. Mit der Berufung von Herrn Schowalter als Pfarrer am 1. März 2006 trat die neue Regelung in Kraft.

 

Mit der jungen Pfarrersfamilie und dank zahlreicher engagierter Gemeindemitglieder, allen voran der langjährige Vorsitzende des Ältestenkreises Friedbert Schwarz, kam es in den folgenden Jahren nicht nur zu einer Konsolidierung, sondern zu einer spürbaren Weiterentwicklung des Gemeindelebens. Es stellte sich die Kernfrage, wie die Kirche angesichts der rasanten Entwicklungen unserer Mediengesellschaft, mit vollkommen neuen Kommunikationsformen und Erwartungshaltungen, die Menschen so ansprechen und erreichen kann, dass die Botschaft des christlichen Glaubens nach wie vor Orientierungshilfe in einer sich schnell verändernden Lebenswelt bieten kann. Die Notwendigkeit innovativer Ansätze, ohne Bewährtes über Bord zu werfen, wurde erkannt.

 

Vor allem die Kinder- und Jugendarbeit erhielt einen deutlichen Schub mit zahlreichen Aktivitäten, die alle Altersgruppen ansprechen. Als Beispiele seien nur der Mini-Gottesdienst, die Kinder- und Jugendkreuzwege und die Jugendfreizeit in Norwegen genannt. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang die Einrichtung einer Stelle im Rahmen des "Freiwilligen Sozialen Jahres" (FSJ). Die betreffenden Stelleninhaber/-innen unterstützen den Pfarrer tatkräftig.

 

Auch das generationsübergreifende Gemeindeleben erfährt mit neuen Gottesdienstformen, den Gemeindefreizeiten, den jährlichen Studienfahrten, dem Brückenfest und zahlreichen anderen Veranstaltungen immer wieder neue Impulse.

 

Voraussetzung sind allerdings die finanziellen Rahmenbedingungen. Als Antwort auf die zurückgehenden Einnahmen aus der Kirchensteuer wurde im Jahre 2008 ein Förderverein gegründet. Damit erhielten die Gemeindeaktivitäten und die dafür erforderlichen Mittel eine breitere finanzielle Basis. Die Fördermittel werden u.a. durch die Organisation kultureller Veranstaltungen, die sich großer Beliebtheit erfreuen, erwirtschaftet.

 

Fast 60 Jahre nach ihrer Grundsteinlegung waren Kirche und angegliederte Gebäude auch äußerlich in die Jahre gekommen. Umfangreiche Renovierungs- und Sanierungsarbeiten standen an. Auch bei der Bewältigung dieser Aufgabe zeigte es sich erneut, dass Einfallsreichtum und Eigeninitiative unsere Gemeinde auszeichnen. Im Juli 2008 wurde ein Bauteam aus freiwilligen Helfern gegründet, das zusätzlich zu den offiziellen Baumaßnahmen in zahlreichen Stunden der Eigenarbeit ganz wesentlich zur Verschönerung der Räumlichkeiten beigetragen hat.

 

Ein Projekt, das über die Grenzen Bruchsals hinaus Aufmerksamkeit erregt hat, ist die ökumenische Zusammenarbeit mit unseren katholischen Nachbargemeinden. Was mit gemeinsamen Gottesdiensten und intensiven Gesprächen über die Möglichkeiten ökumenischer Ausgestaltung begann, führte zur Unterzeichnung der ökumenischen Partnerschaft zwischen der Pfarrei St. Peter und der Paul-Gerhardt-Gemeinde im Rahmen eines Gottesdienstes am Pfingstmontag des Jahres 2012. Schließlich wurde am 13. Oktober 2012 die Satzung der Bruchsaler Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden (ACG) in einem ökumenischen Gottesdienst in der Lutherkirche in Kraft gesetzt.

 

Am 9. November 2014 feierte die Paul-Gerhardt-Gemeinde mit Stolz, aber auch mit dankbarem Rückblick auf eine Periode des friedlichen Wachsens und Gedeihens ihr 60-jähriges Jubiläum.