Predigt zum Sonntag "Höret" vom 24.5.2020 (Pfarrer Schowalter)

Der Himmelfahrtstag liegt hinter uns – Pfingsten liegt vor uns. Wir klinken uns mit dem Kirchenjahr in die Lebensgeschichte der Jünger Jesu ein. 40 Tage lang nach Ostern gab es immer wieder Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus. Dann kam an Himmelfahrt der Abschied, bei dem Jesus zu ihnen sagt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf Euch kommen wird. Und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, Judäa und Samaria und bis ans Ende der Welt“ (Apg 1,8).

Im Predigttext für diesen Sonntag gehen wir noch einmal einen kleinen Schritt zurück. Jesus bereitet seine Jünger auf seinen Abschied vor und sagt ihnen, dass er ihnen dann seinen Heiligen Geist schicken wird.

Ich lese aus dem Predigttext zwei Verse (Joh 16):

„7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. […] 13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.“

Der Beginn der Rede Jesu irritiert: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe“, sagt Jesus.

Ich habe überlegt, von wem ich selbst sagen könnte: „Es ist gut für mich, dass er oder sie weggeht.“

Zuerst fielen mir die Diktatoren dieser Welt ein. Wenn der ein oder andere seinen Weggang ankündigen würden, das könnte ich gut finden. Oder Menschen, die selbstherrlich mit ihrer Macht und ihrem Ansehen spielen. Die könnten auch gerne weggehen. Oder Menschen, die mir das Leben schwer machen.

Dann musste ich an Weihnachten denken. Jedes Jahr – pünktlich zu Advent – gibt es neue Bücher und Geschichten über die buckelige Verwandtschaft, die man gerne wieder loswerden will. – Aber bei Licht besehen finde ich, sollte es eher um Versöhnung als um Verabschiedung gehen.

Bei Menschen, die mir nahestehen, kann ich den Satz „es ist gut für mich, dass er oder sie weggeht“, ganz schlecht verstehen.

Dieser Satz wäre nur dann tröstlich, wenn das, was dann kommt, besser ist als das Vorherige. Das führt die Jünger zu der Frage: Wer oder was kommt? Und was ist das Bessere daran?

Jesus sagt: „Ich sende euch meine Geist, den Geist der Wahrheit.“

Damit meint er nicht:

Ihr seid dann hochqualifizierte Mathematiker, Philosophen oder Wissenschaftler, die nun einfacher die Wahrheit suchen und finden.

Auch nicht: Ihr seid Enthüllungsjournalisten oder Anwälte oder Richter, die mit Erfolg versuchen, die verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen.

Wahrheit hat in der Bibel mit der „wahrhaftigen Beiziehung“ zwischen Gott und dem Menschen zu tun. Der Geist der Wahrheit hilft uns, diese Beziehung zu leben und zu gestalten.

Der Geist der Wahrheit hilft uns, Gott kennenzulernen, Gott der diese Welt phantasievoll und kreativ geschaffen hat; und dass wir dann neu über seine Schöpfermacht zu staunen.
Der Geist der Wahrheit hilft uns, Gott kennenzulernen, der uns Menschen gemacht hat und in leidenschaftlicher Liebe um uns Menschen wirbt, weil er nicht ohne uns sein will. Nicht ohne mich. Nicht ohne Dich.

Der Geist der Wahrheit hilft uns, Jesus kennenzulernen, der mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen die Welt aus ihrer Trennung von Gott herausgeholt hat und in eine neue Beziehung gestellt hat. Der Geist der Wahrheit hilft uns, Jesus kennenzulernen, der uns zu einem Leben in der seiner Nachfolge herausfordert, in dem Liebe das Maß aller Dinge ist.

Der Geist der Wahrheit möchte uns auch den Blick auf uns selbst öffnen – uns zeigen, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, aber auch dass wir an vielen Stellen in unserem Leben diese Beziehung immer wieder beschädigen. Und dieser Geist möchte unser Leben neu machen und heilen.

Und der Geist der Wahrheit will uns die Augen öffnen und uns helfen, die Welt, die Geschichte, die Prozesse mit den Augen des Glaubens zu sehen und zu deuten. Gerade in diesen Tagen, die wir als krisenhaft, unsicher, auch – was die Bewertung vieler Dinge angeht – als umstritten erleben, wird deutlich, wie sehr wir auf diesen Geist der Wahrheit angewiesen sind.

Jesus sagt seinen Jüngern: „Das ist gut für Euch, wenn dieser Geist der Wahrheit kommt.“ Und das gilt bis heute.

Nehmen sie doch den Choralvers von Philipp Spitta als Gebet für diese Woche mit und bitten wir:

„O komm, du Geist der Wahrheit,
und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit,
verbanne Trug und Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer,
rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher getreuer
den Herrn bekennen kann.“
Text: Philipp Spitta (1827) 1833

Der heutige Sonntag Exaudi – zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – ist ein Erinnerungssonntag dafür,
… dass wir um den Heiligen Geist bitten sollen,
… dass wir ihn erwarten sollen,
… dass wir uns öffnen sollen für seine Wahrheit.

Mit dieser Bitte um den Heiligen Geist rennen wir bei Jesus sozusagen offene Türen ein; denn er hat seinen Jüngern verheißen:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird.“

In diesem Vertrauen dürfen wir immer wieder beten. Amen.

 

Pfarrer Achim Schowalter