Angedacht

Liebe Gemeinde,

In Kürze neigt sich das Kirchenjahr schon wieder seinem Ende entgegen. Es ist ein Jahr, das uns allen in der Paul Gerhardt Gemeinde, in Bruchsal und in unserem Land durch die Corona Pandemie noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Als im Januar erste Nachrichten über das Auftreten eines neuen Virus namens SARSCoV2 aus dem chinesischen Wuhan über die Medien zu uns drangen, haben wir wohl alle mit ungläubigem Staunen beobachtet, wie eine Stadt von 11 Millionen Einwohnern komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde. Aber China war ja weit entfernt. Auch als am 27. Januar ein erster Fall in Deutschland, im Landkreis Starnberg, auftrat, hat dies wohl nur wenigen Kopfzerbrechen bereitet. Erst vier Wochen später, als in Norditalien Dörfer und Städte wegen Corona abgeriegelt wurden und die Zahl der Toten dort sprunghaft anstieg, ist den meisten von uns die Dramatik richtig bewusst geworden. Nur einen halben Monat später, Mitte März, kam es auch in Deutschland mit der Schließung von Schulen und Kitas und der Einführung von Grenzkontrollen und Einreisebeschränkungen zu einschneidenden Maßnahmen.

Mit dem Virus hielt eine Reihe neuer Begriffe Einzug in unsere Alltagssprache wie Hotspot, Lockdown, Inzidenz, Reproduktionszahl, Verdoppelungszeit oder Testkapazitäten. Institutionen, die bislang nur Fachleuten bekannt waren, kamen plötzlich zu ungeahnter Aufmerksamkeit, wie das Robert-Koch-Institut in Berlin oder die private John Hopkins Universität in Baltimore (USA), die uns seit März jeden Tag mit den neuesten Zahlen von Infizierten und an Covid19 Verstorbenen aus der ganzen Welt versorgt.

Alltagsdinge erhielten eine ganz neue Wertigkeit: Wer hätte schon vor der Coronakrise Toilettenpapier, Nudeln und Trockenhefe zu den „Luxusgüter“ gezählt. Und wer hätte sich je vorstellen können, dass die Planung eines Urlaubs einer Lotterie gleicht. Und das Wort „Maskenball“ bekam plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Auch die Kirchen sind von der Coronakrise kalt erwischt worden. In der Paul Gerhardt Gemeinde fand der letzte „normale“ Gottesdienst am 15. März statt. Die für das folgende Wochenende geplante Gemeindefreizeit in der Schwarzwaldmühle fiel dann bereits Corona zum Opfer. In der Folge musste auch die Konfirmation erst einmal verschoben werden. Gruppen und Kreise konnten sich nicht mehr treffen und waren auf die Kommunikation über das Internet angewiesen. Auch der Anfang des Jahres ins Amt gelangte Ältestenkreis hielt als Leitungsgremium der Gemeinde lange Zeit seine Sitzungen nur am Bildschirm ab.

Welche Chancen sich mit der durch Corona forcierten Digitalisierung bieten, zeigten eindrucksvoll die Gottesdienste zu Ostern und Pfingsten, die, über Youtube verbreitet, großartige Resonanz fanden. Seit dem 10. Mai können wir als Gemeinde wieder zusammen Gottesdienst feiern, wenn auch in  stark veränderter Form und mit Hygieneauflagen.

Das Corona Virus verursacht Unsicherheit und erzeugt Angst. Es greift in unseren Alltag ein: Manches ist nicht mehr so einfach möglich wie zuvor. Dazu gehört auch die Pflege der gewohnten Kontakte. Viele Kreise können sich nicht in gewohnter Form treffen. Der Kontakt übers Internet, so wichtig er ist, ersetzt nicht die körperliche Nähe; diese Erfahrung machen wir gerade. Da Abstand gehalten werden soll, entfällt das Gespräch vor oder nach dem Gottesdienst oder der gemütliche Plausch beim Kirchenkaffee. Eine Reihe von Mitgliedern der Gemeinde muss aufgrund ihrer Erkrankungen sogar ganz auf einen Besuch der Gottesdienste und Gruppen verzichten.

Nicht selten macht sich angesichts fehlender oder unterbrochener Kontakte das Gefühl von Einsamkeit breit. Mir persönlich ist in den letzten Monaten ein kleiner Vers besonders wichtig geworden. Er steht am Ende des Matthäusevangeliums:

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“

Der Vers ist Teil des sogenannten „Missionsbefehls“, mit dem Jesus seine Jünger in die Welt hinaussendet (Mt. 28,1820). Der „Missionsbefehl“ wird bei Taufen in unserem Gottesdienst gelesen, weil Jesus die Jünger darin auffordert, die Menschen auf den Namen des dreieinigen Gottes zu taufen. Er begleitet uns also sozusagen von Kindesbeinen an.

Die Worte, die Jesu den Jüngern mitgibt, sollen helfen, deren Zweifel zu überwinden. Ja, die Jünger zweifeln, obwohl ihnen der auferstandene Jesus gegenübersteht. Jesus gibt ihnen das Versprechen, stets bei ihnen zu sein, bevor er sie in die Welt hinaussendet. Den Zweifelnden schenkt Jesus eine neue Perspektive und erteilt ihnen gleichzeitig einen Auftrag: ihren Glauben, den angefochtenen und zweifelnden Glauben, zu anderen Menschen weiterzutragen. Auf ihrem Weg stoßen die Jünger immer wieder auf  unüberwindlich erscheinende Hindernisse und auf Ablehnung, aber Jesus ist bei ihnen. Mit diesem, seinem letzten Satz auf Erden: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, macht Jesus die Jünger seines Beistandes gewiss.

Bis ans Ende der Zeit stehen alle Tag unter dieser seiner Zusage. Jesus ist nicht der weggehende Herr, der sich von der Welt und von seinen Jüngern verabschiedet und diese sich selbst überlässt, sondern er ist der bleibende und der kommende Herr.

Wie den Jüngern verheißt auch uns dieser kleine Vers vom Ende des Matthäusevangeliums Jesus bewahrende und tröstende Gegenwart in unserem Leben, gerade in solchen Zeiten der Unsicherheit und der Angst und  des Alleinseins. Jesus verspricht uns: Ich gehe mit Dir diesen Weg, ich höre Dir zu, ich gebe dir Kraft, ich sorge mich um Dich und ich tröste Dich. Ich bin ganz einfach bei Dir, an den guten und an den schlechten Tagen und in den Nächten, wenn Dir die Angst und die Sorgen den Schlaf rauben. Das soll uns Sicherheit und Geborgenheit verleihen.

Dietrich Bonhoeffer hat dies in die Zeilen eines Gedichtes gefasst, das er während seiner Gestapo-Haft im Dezember 1944 schrieb:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Die Paul Gerhardt Gemeinde wünscht Ihnen allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

 

Gerald Dörner