Predigt zum Sonntag "Betet" vom 17.5.2020 (Pfarrer Schowalter)

Wir kennen sie alle gut: die Worte des Vaterunsers. In jedem Gottesdienst sind wir eingeladen, dieses Gebet mitzubeten – leise oder laut.

Oft heißt es davor: „Und alles, was uns noch bewegt, legen wir hinein in das Gebet, das Jesus uns zu beten gelehrt hat.“

Das hört sich so an, als wäre das Vaterunser wie ein Container, in den ich alles legen kann. Und dann wird dieser Gebetscontainer in den Himmel transportiert.
Je mehr ich über den Satz, der zum Vaterunser hinführen soll, nachdenke, desto besser gefällt er mir.

-          Manchmal sind es so viele Dinge, die einen umtreiben, dass es gut ist, das alles im Packen irgendwo hinzubringen.

-          Manchmal weiß man auch nicht richtig, was man beten soll – so ging es übrigens auch schon Paulus (Rö 8).

-          Manchmal sind auch die Gedanken und Gefühle so durcheinander, dass Beten einfach schwer ist.

-          Und manchmal findet man schlicht nicht die richtigen Worte.

Dann solch ein Container-Gebet zu haben, ist einfach gut. Gott bekommt das schon sortiert. Oder mit den Worten Jesu ausgedrückt: „Euer Vater im Himmel weiß schon, was ihr braucht, noch bevor ihr bittet.“ (Nach Mt 6)

Helmut Thielicke hat seinem Buch mit Predigten über das Vaterunser den Titel gegeben: „Das Gebet, das die Welt umspannt:“ Diese Überschrift gilt in mehrfacher Hinsicht:

-          Überall auf der Welt wird dieses Gebet gebetet – in verschiedenen Ländern, in verschiedenen Sprachen. Insofern: Weltumspannend!

-          Aber auch meine persönliche Lebenswelt wird in den grundlegenden Fragen angesprochen:
Da geht es um das tägliche Brot – ein Bild für das, was ich notwendig zum Leben brauche.
Da geht es um die menschlichen Beziehungen, die immer wieder belastet sind und entlastet werden müssen.
Und es geht um Gefährdungen des Lebens: Versuchung und das Böse.

Auch da, wo es um meine persönliche Lebenswelt geht, ist das Vaterunser „umspannend“.

Wie intensiv diese Worte sind, macht eine kleine Geschichte deutlich: Ein junger Mönch kommt zu seinem Abt und bittet ihn: „Zeig mir, wie ich beten kann.“ Der Abt sagt: „Bete das Vaterunser.“ Darauf der junge Mönch: „Das kann ich schon.“ Nach einigen Momenten des Nachdenkens sagt der Abt: „Sprich es so lange, bis du jedes Wort mit vollem Bewusstsein gebetet hast.“ Man erzählt sich, dass der Mönch noch immer betet.

Das Vaterunser – ein gehaltvolles, intensives Gebet. Und doch: Es kommt nicht darauf an, jedes Wort und jeden Satz immer mit voller Konzentration zu beten. Nicht jede Aussage ist in jedem Moment gleich wichtig für uns. Man darf sich dort einklinken, wo es gerade wichtig ist für uns und dort die Anliegen in die Bitte des Vaterunsers hineinlegen.

Das Vaterunser – ein gehaltvolles Containergebet, das zu Gott gebracht wird.

Etwas Besonderes am Vaterunser ist schon die Anrede: Vater. Im Alten Testament wird nur ganz selten von Gott als Vater gesprochen oder Gott als Vater angesprochen. Das hat wohl damit zu tun, dass bei den Nachbarvölkern von Israel in vielen Göttergeschichten Götter als Vater angesprochen wurden und es in diesen Götterfamiliengeschichten drunter und drüber ging. Das passt so nicht zu Gott. Davon wollte man sich abgrenzen.
Für Jesus ist Vater die Anrede Gottes, die er fast immer benutzt. Die anderen Anreden und Wörter für Gott treten völlig in den Hintergrund.

Zum Beginn des Vaterunseres hätten durchaus auch andere Anreden gepasst:
Dass Gottes Name geheiligt, in Ehren gehalten, mit großem Respekt behandelt wird,
dass Gottes Königreich kommen soll,
dass Gottes Wille geschehen soll,
da hätte man Gott auch als Herrscher, als Herr oder als König ansprechen können.

Aber Jesus sagt: So sollt ihr beten: Vater.

Und für Jesus meint Vater:

-          Wir sind seine Kinder.

-          Wir sind eingeladen, seine Nähe zu suchen.

-          Wir dürfen vertrauensvoll zu Gott kommen.

Durch Jesus sind wir eingeladen zum Herrn und König dieser Welt ganz vertrauensvoll als Kinder zu kommen und „Vater“ zu sagen. – Ein Privileg! Eine Besonderheit! Unser Vater. Mein Vater.

Martin Luther hat das Vaterunser täglich mehrfach gebetet. Er hat mit diesen Worten sein Leben vor Gott gebracht. Und hat diese Bitten auch als Anregung gesehen, mit seinen eigenen Gedanken und Worten weiterzubeten.

Im Kleinen Katechismus schreibt er zum Vaterunser wie eine Zusammenfassung:

Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.

Der Sonntag Rogate – betet! – ermutigt uns zum Beten, auch zu Gebetsexperimenten. Vielleicht wie Martin Luther, vielleicht auch ganz anders.

Lassen wir uns in dieser Woche nach dem Sonntag Rogate einladen: Beten wir! Reden wir mit Gott! Teilen wir unser Leben mit ihm! Mit unserem Vater.

In diesem Sinne: Eine gute Gebetswoche!

Ihr Pfarrer Achim Schowalter

Ostergottesdienst aus der Paul-Gerhardt-Kirche - ausgestrahlt am Sonntag, 12.4. um 11.00 Uhr

Direktlink zum Video

 

Ostern mit dem Bild unserer vertrauten Kirche feiern? Familie Schowalter hat zusammen mit wenigen Helfern einen Ostergottesdienst gestaltet und als Video in der Paul-Gerhardt-Kirche aufgenommen.

Wie schmecken eigentlich Coronas? Und warum will uns Ostern ins Zweifeln bringen? Zwei Fragen, die in diesem Ostergottesdienst mehr oder weniger beantwortet werden. Auch der Rabe Richard wird seinen Teil dazu beitragen. Die Schowalter-Band spielt bekannte und von unserer Gemeinde geliebte Lieder.

Wir freuen uns darauf, mit Ihnen allen gemeinsam - jeder vor seinem Bildschirm - ab 11.00 Uhr Gottesdienst zu feiern.

Auf diesem Paul-Gerhardt-Youtube-Kanal wird das Video ab Sonntag, 11.00 Uhr veröffentlicht

Sie dürfen den Link gerne auch weitersagen oder weiterschicken an alle, die sonst gerne in Paul-Gerhardt mitfeiern.

 

Impuls von Pfarrer Achim Schowalter für die Woche vom 29.3.

In wenigen Wochen jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 75. Mal. Dietrich Bonhoeffer gehört, obwohl er nur 39 Jahre alt geworden ist, zu den prägenden Gestalten des 20. Jahrhunderts. Seine klare Einschätzung der Situation des Nationalsozialismus, sein Mut zum kirchlichen und politischen Widerstand, seine anregenden Gedanken in seinen Gefängnisbriefen und nicht zuletzt das Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ inspirieren und ermutigen bis heute viele Menschen.

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